| |
Gesamtunterricht nach
Berthold Otto
"Zu einem Gesamtunterricht in unserem
Sinne werden die Schüler täglich eine bis zwei Stunden
mit dem Lehrer oder der Lehrerin zusammen sein und alltäglich
immer das vornehmen und besprechen, wofür sich gerade
an diesem Tag ein gemeinsames Interesse bei allen Schülern
zeigt ... Der Gesamtunterricht ist ja nun freilich in vielen
Hinsichten das gerade Gegenteil von allem, was man bisher
Unterricht genannt hat. Zunächst einmal geht die Initiative
grundsätzlich vom Schüler aus. Der Schüler
bestimmt, was behandelt werden soll, wie lange es behandelt
werden soll und in welcher Reihenfolge ... Es gibt grundsätzlich
keine Beschränkung auf bestimmte Fächer. Die Welt
steht als Gesamtheit vor uns, und wir suchen uns als Gesamtheit
ihrer zu bemächtigen."
Da Schulangst nach Ottos Meinung wahres Lernen
unmöglich machte, gab es keine Zwangsthemen, keine Zensuren,
keine Versetzungen und kein Sitzenbleiben. Leistungsschwächere
Schüler wurden geschützt und getröstet, wenn
möglich in Fördergruppen zusammengefasst, wie denn
ja auch Interessengruppen gebildet wurden, um schneller auffassenden
Schülern gerecht zu werden. Alle aber gehörten zu
der "Gemeinde", die sich im Gesamtunterricht zusammenfand.
Zu Beginn fand mit einer kleinen Gruppe verschiedener
Altersstufen zunächst freier Gesamtunterricht
statt, praktisch eine Erweiterung des Tischgesprächs
der Familie Otto. Hier ergaben sich bald Wünsche nach
Vertiefung einzelner Themen und so entstand auch Fachunterricht.
Der Gesamtunterricht blieb aber als letzte Stunde des Schultages
bestehen: Hier traf sich die kleine Schulgemeinde, um alle
berührenden Themen zu besprechen. Toleranz gegenüber
anderen Meinungen und einzelnen Religionen waren hier selbstverständliches
Gesetz.
Im Gesamtunterricht wurden
somit Themen besprochen, die in den Lehrplänen
der staatlichen Schulen nicht enthalten waren. So waren
Berichte über Theaterbesuch häufig, was schließlich
zu einem regen Theaterleben in der Schule führte.
Gemeinsame Wanderungen - es war ja die Zeit der Jugendbewegungen
- wurden geplant und durchgeführt, kurz: die Schulgemeinsamkeit
wurde oft noch in der so genannten „Freizeit”
fortgesetzt. |
|
Berthold Ottos Konzept des Gesamtunterrichts
fand reges Interesse im In- und Ausland. Gäste gehörten
daher in der Schule zum Alltag.
Viele Gesamtunterrichtsstunden sind ausführlich
protokolliert und viele dieser Protokolle veröffentlicht
worden. Hier ein Beispiel:
Ausgehend von der praktischen Frage, warum
ein Hummer beim Kochen rot wird, entwickelte sich ein Gespräch
über weitere Meerestiere, das Meer an sich, Ebbe und
Flut und über die Watten:
Walther: |
Wir haben einmal eine Wattwanderung
gemacht.
|
| Ruth: |
Ich will noch von einem Walfisch erzählen,
der wurde vom Sturm an den Strand gespült. Es war
auch ein kleiner dabei. |
| Manche bezweifeln nach Ruths
Beschreibung, daß es wirklich ein Walfisch war. |
| Herr Otto: |
Es kommt wirklich mitunter an der Nordsee
vor, daß der Sturm einen Walfisch anspült. |
| Es wird kurz über den
ausgestopften Walfisch gesprochen, den man in einem Kahn
in Berlin an der Schlossbrücke sehen kann. Karl schildert
die Watten noch einmal genau: Es sind die Stellen, wo
das Meer bei Ebbe zurücktritt. |
| Herr Otto zu Walther: |
Wattwanderungen sind eigentlich etwas
sehr Gefährliches. Die Flut kann einmal höher
sein, als man es erwartet hat, und einen dann da draußen
einholen. |
| Walther: |
Wir hatten da Wegmarkierungen, wo wir
gingen. Wir gingen rüber nach Neuwerk. |
| Herr Otto: |
So, das wusste ich gar nicht, daß
man nach Neuwerk rübergehen kann. |
| Karl: |
Da fährt auch immer der Postwagen
rüber ... |
| Einer fragt nach den Deichen,
mit denen das Land geschützt wird. |
| Fritz: |
Man gewinnt doch auch neues Land durch
Deiche. |
| Herr Otto schildert kurz,
wie das gemacht wird. "Das Land, was man da gewonnen
hat, nennt man Koog." |
Berthold Otto räumte
ein, dass diese Art des Unterrichtens sehr schwierig ist und
vom Lehrer bzw. der Lehrerin eine gute nervliche Verfassung
verlangt, da die Kinder nicht dazu gezwungen werden, still
zu sitzen und ruhig zu sein. Der Lehrer muss sehr
konzentriert zuhören, echtes Interesse von Albernheiten
unterscheiden, zugeben können, dass er auch nicht auf
jede Frage eine Antwort weiß und ein solches unbeantwortetes
Thema in einer der nächsten Stunden noch einmal aufgreifen.
Otto selbst fühlte sich zu Zeiten besonderer nervlicher
Anspannung gelegentlich nicht in
der Lage, Gesamtunterricht zu erteilen und musste Stunden
ausfallen oder vertreten lassen. Er war dennoch der Überzeugung,
dass die Kinder in diesen Gesprächsstunden am meisten
lernten, weil sie nach ihren eigensten Interessen ausgerichtet
waren.
Berthold Otto selbst bezeichnete seine Pädagogik
als eine Pädagogik "vom Kinde aus". Diese Selbstbeschreibung
lässt jedoch Raum für das Missverständnis,
es ginge um ein bloßes "Wachsenlassen". Tatsächlich
jedoch war Ottos Konzeption auf eine Einübung und Bewusstmachung
der Kategorien des Denkens ausgerichtet und forderte von den
Lehrkräften ein hohes Maß an Gesprächsgeschick.
Die Lehrer mussten streng nach dem Prinzip der Isolierung
der Schwierigkeiten vorgehen und so sprechen, dass sie von
den Schülern verstanden wurden, nie aber länger
bei einem Thema verharren als das Interesse der Schüler
wach war. Näheres dazu siehe im Abschnitt über Altersmundart.
"Hier [...] ergab es sich, dass
die Fragen meiner Kinder, angeregt durch die Beobachtungen,
die sie selbst im Leben machten, mancherlei vorwegnahmen,
worauf ich erst später hatte hinführen wollen; und
weil sich nun unzweifelhaft ergab, dass das, was wir auf eigene
Anregung der Kinder hin besprachen und feststellten, tiefer
begriffen oder besser festgehalten wurde, als was ich an sie
heranbrachte, und dass wir auf diese Weise eigentlich schneller
vorankamen, als ich geplant hatte, so wurde mir dieses anfänglich
zufällige Geschehen mehr und mehr Methode. Denn zu dem,
wohin ich strebte, zur Bewusstmachung der Kategorien des Denkens,
kamen wir auf diesem Wege auch und zwar rascher als auf meinem
vorgedachten. Daraus ergab sich der seitdem von mir vertretene
Grundsatz,
dass man die Kindergeister am sichersten, schnellsten und
besten bildet, wenn man sie frei wachsen lässt.”
Im Gesamtunterricht entstand auch der Wunsch,
eine eigene Verwaltung aufzu-bauen, eigene Gesetze zu erarbeiten,
ja schließlich auch ein „Gericht”,
das kleinere Verstöße gegen die selbstgemachte
Schulordnung ahndete. So entstand ein kleiner Staat, der natürlich
demokratisch war, wurde doch gewählt und konnte doch
jeder kandidieren: Kanzler und Ordner, schließlich auch
Richter und Protokollführer.
Erfahren Sie hier,
wie die Prinzipien des Gesamtunterrichts heute umgesetzt werden.
|