|
Berthold
Ottos Auffassung über die Aufgabe der Schule
Die Gründung der "Hauslehrerschule"
vollzog sich als ein kontinuierlicher Prozess, der mehrere
Stufen durchlief:
Berthold Otto begann mit der Ausübung
einer Hauslehrertätigkeit im traditionellen Sinne, um
später als Hauslehrer seiner eigenen Kinder tätig
zu sein. Die Herausgabe der Zeitschrift "Hauslehrer",
die Einbeziehung fremder Kinder sowie schließlich die
Gewährung einer finanziellen Unterstützung durch
den Preußischen Staat waren die Stationen dieser Entwicklung.
Als letztes Stadium in der Entwicklung der
neuen Institution nennt Otto selbst den Übergang zur
gesamtunterrichtlichen Kunst der Gesprächsführung,
die den Kreis der Familie überschreitet und die öffentliche
Sprachpraxis in der Hauslehrerschule ausmacht.
Aus der Hauslehrerschule als einer familiären
Institution wurde nun die Hauslehrer-schule als öffentliche
Einrichtung.
Über die pädagogische und didaktische Konzeption
und die Experimentierabsichten der Hauslehrerschule gibt ein
Werbe-Flugblatt aus der Anfangszeit der Einrichtung (1908)
Auskunft, das mit dem Satz beginnt, die Hauslehrerschule sei
„nur für solche Kinder bestimmt, deren Eltern sich
zu den Hauslehrerbestrebungen bekennen”.
Hierzu gehörten:
- die Anerkennung des „selbständige[n]
Wert[s] der Kindheit”, die etwas anderes als eine „Vorstufe
des Erwachsenenseins” darstelle,
- die Anerkennung der „Grundüberzeugung
[...], dass in jedem Kind der Trieb nach dem ihm möglichen
geistigen Wachstum vorhanden und wirksam ist”,
- die Zustimmung zu gewissen didaktischen
und schulorganisatorischen Grundmerkmalen wie z.B. die Wiedereinführung
des Fachklassensystems sowie der Verzicht auf Hausaufgaben
und Prüfungen, Freiwilligkeit der Teilnahme an Kursen,
Verzicht auf disziplinarische Strafen.
In dem Werbeflugblatt heißt es weiter:
„Die Erfahrung hat gelehrt, dass
das Lernbedürfnis der Kinder sich stark nach dem richtet,
was Altersgenossen lernen, dass also unsere Schüler,
ohne dass wir darauf hinarbeiten, im allgemeinen mit ihren
Altersgenossen in der Schule Schritt halten; sie bleiben in
einigen Fächern zurück, gehen in anderen aber viel
schneller vorwärts. Der Übergang in eine dem Alter
des Schülers entsprechende Schulklasse ist also jederzeit
ohne große Schwierigkeit möglich. Wenn uns die
Absicht rechtzeitig mitgeteilt ist, werden auch besondere
Kurse mit besonderer Vorbereitung für die gewählte
Schulgattung eingeschoben. Die Hauslehrerschule selbst hat
keine Einteilung in Schulklassen der gewöhnlichen Art
mit Versetzungen und Sitzenbleiben, wir haben den täglichen
einstündigen Gesamtunterricht, dessen Themata von den
Schülern selbst bestimmt werden und in dem vollkommene
Redefreiheit herrscht, und außerdem haben wir alle die
Fachkurse, nach denen sich bei den Schülern der Wunsch
regt; es wird darin so viel getan, wie die Lehrkräfte
irgend ausreichen. Aber die Beteiligung an jedem der Kurse
ist durchaus in das Belieben jedes Schülers gestellt.
Es kommt vor, dass derselbe Schüler gleichzeitig, z.B.
Mathematik im höchsten, Griechisch im untersten Kursus
mitnimmt, und umgekehrt. Prüfungen, die bestimmte Berechtigungen
gewähren, werden in der Hauslehrerschule grundsätzlich
nicht gemacht. Wer das Einjährigen-Examen machen will,
wird auf seinen Wunsch für die Untersekunda, wer das
Abiturientenexamen machen will, für die Oberprima der
von ihm gewählten Anstalt vorbereitet und muss diese
noch ein Jahr besuchen, ehe er die Prüfung ablegt.”
Die Hauslehrerschule war also einerseits ein
"typischer" Vertreter der reformpädago-gischen
Bewegung. Sie ist jedoch von dieser deutlich dadurch unterschieden,
dass sie ausdrücklich schulische und familiäre
Erziehung voneinander abgrenzt. Die Schule versteht
sich als eine Halbtagsschule für „Kinder vom
Beginn des schul-pflichtigen Alters an, Knaben und Mädchen
ohne Unterschied”, in der „von 8 Uhr
morgens bis 1 Uhr mittags” gegen ein Schulgeld
von „300 Mark jährlich” Unterricht
erteilt wird. Im o.g. Flugblatt heißt es weiter: „Im
allgemeinen wird den Hauslehrer-bestrebungen gemäß
vorausgesetzt, dass die Schüler im Elternhaus wohnen,
wo sie ja unserer Überzeugung nach am leichtesten die
beste geistige Nahrung finden. Im Notfall kann auch Pension
in Lichterfelde nachgewiesen werden. Der Pensionspreis beträgt
dafür mindestens 1000 Mark jährlich.”
Berthold Otto legte also Wert darauf, dass
Familie und Schule in zwei selbständige, voneinander
unabhängige Sphären der Erziehung darstellen.
Als Schule im Haus des Lehrers soll
die Hauslehrerschule durch Unterricht, nicht aber durch das
Zusammenleben von Lehrern und Schülern erziehen.
Der Lehrer hat in ihr nicht die Aufgabe eines
„Lebensbegleiters”, sondern eines
Fachmanns für schulisch zu erteilenden Unterricht.
_____________________________
Diese Zusammenfassung wurde auf der
Grundlage des Katalogs einer Ausstellung über Berthold
Otto 2007 erstellt: Berthold Otto - "Meine Schule war
und ist die freiheitlichste der Welt" Hg. Bibliothek
für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen
Instituts für Internationale Pädagogische Forschung.
|